Liebe Leser,

wer kennt nicht die Geschichte von dem österreichischen Grenzbeamten, der in den frühen 1950er Jahren, im tiefen Winter, dicht an der Grünen Grenze zu Bayern einen gefrorenen, männlichen Leichnam fand und ihn zur Vermeidung des sich daraus ergebenden Ermittlungsaufwandes kurzerhand hinüber auf bayrisches Gebiet schleppte?
So schlau war sein bayerischer Kollege in der Folge aber auch – am nächsten Tag lag der froststarre Tote wieder in Österreich. So ging es wochenlang hin und her. Wie die Geschichte endgültig endete, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat sich der Tote schrittweis‘ in Nichts aufgelöst, und es kam zu keiner Staatskrise.
An dieses makabre G’schichterl musste der Verfasser sofort denken, als unlängst der katalonische Freiheitskämpfer Puigdemont von eifrigen Schleswig-Holsteinischen Beamten festgesetzt und ins Neumünster Untersuchungsgefängnis gesteckt wurde. Ihre dänischen und eidgenössischen Kollegen dagegen hatten ganz gewiss die eingangs erzählte Geschichte noch im Hinterkopf, als sie den Katalanen freundlich nach Deutschland durchwinkten; der Zugriff erfolgte erst hier bei uns. Ein zuständiger Staatsanwalt trat telegen in Erscheinung und fand markige Worte zum Lobe der deutschen Rechtssicherheit, derweil in Barcelona die Separatisten auf die Straße liefen und sich mit der Polizei prügelten – man hatte über hundert Verletzte allein an jenem Abend zu beklagen. Uns kleinen Fischern und Teichwirten erzählt man immer wieder, die Unzahl der Gesetze, Verordnungen, Vorschriften und Richtlinien, die uns so zu schaffen machen, dass wir mehr und mehr die Lust an unserem Handwerk verlieren, seien nicht deutschen, sondern europäischen Ursprungs. Man müsse sie vollziehen, ob man wolle oder nicht – sonst drohten drastische Strafen. Wenn wir bei dem Fall Puigdemont genau hinschauen, erkennen wir aber keineswegs ein so stringentes „europäisches System“. Der mit „Internationalem Haftbefehl“ Gesuchte genießt in Belgien politisches Asyl, darf unbehelligt durch EU-Mitgliedsländer reisen und wird erst in Deutschland verhaftet. Hallo? Sind sie noch dran? Ja? Die deutschen Behörden haben im Nachhinein überprüft, ob sie alles richtig gemacht haben. Und es war alles, alles richtig! Erst Herrn Puigdemont einsperren und die Katalanen gegen uns aufbringen, dann ihn wieder auslassen und die Spanier düpieren. So muss Diplomatie!
Die Affäre kann ein Lehrstückerl dafür sein, wie „europäisch“ unsere Gesellschaft inzwischen wirklich ist. Es wird in diesem Durcheinander wohl zuletzt der Europäische Gerichtshof Recht sprechen müssen. Wann das sein wird, weiß niemand. Und wie man bis dahin mit Herrn Puigdemont angemessen menschlich umgeht, auch nicht. Wen wundert’s da, dass man uns beim Teichbau, bei wasserrechtlichen Erlaubnissen, beim Schutz vor Fischseuchen oder der Abwehr von Fischereischädlingen immer wieder mit einem bunten Strauß kaum vollziehbarer Verwaltungsakte kommt, die sich – notabene! – von Bundesland zu Bundesland, von Regierungsbezirk zu Regierungsbezirk und von Landkreis zu Landkreis unterscheiden? Am Schluss heißt’s zwar unisono, das Europäische oder das Bundesrecht habe den Vorrang – aber stimmt das auch? Wer uns am Ende schulterzuckend immer wieder mit dem „Gesetz ist Gesetz“-Sprücherl ankommen will, greift zu kurz. Der Vollzug von Gesetzen ist ohne Augenmaß gar nicht möglich. Wäre er das, bräuchte es keine Richter und Anwälte. Richter und Anwälte ohne Augenmaß aber sind blind. Das richtige Augenmaß kann nur haben, wer genügend Fixpunkte hat, wonach er Distanzen schätzen kann. Fehlen diese Fixpunkte, wird jede Schätzung so ungenau, dass sie nicht mehr zu gebrauchen ist. Solange die Wasserrechtsbehörden negieren, dass unsere Fischerei und Teichwirtschaft ein der Natur und den Denkmälern absolut gleichwertiges, einmaliges Gut ist, im öffentlichen Interesse liegt und Anspruch auf gleichrangigen Schutz hat, fehlt ihnen dieses Augenmaß.

Es gehört zu unseren allernächsten und wichtigsten Aufgaben, die neue Staatsregierung auf diesen Mangel aufmerksam zu machen und auf Abhilfe zu dringen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Peter Wißmath