Liebe Leser,

jetzt haben wir’s. Oder die haben’s: Die Briten sind „draußen“. 1946 sagte Winston Churchill noch unmissverständlich, die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa sei eine Friedensgarantie für den Kontinent: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten!“ Das war großartig gedacht und wurde später auch, mehr oder weniger mühsam, vollzogen. Aus der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ der 1950er Jahre wurde bis Januar 2020 eine „Europäische Union“, die am Ende 28 Mitgliedsstaaten umfasste. 19 dieser Mitgliedsstaaten hatten sich 2002 auf eine gemeinsame Währung geeinigt und gelobten, „im Rahmen des Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ auch in der Innen- und Justizpolitik zusammen - zuarbeiten.
In Bezug auf die Finanz- und Wirtschaftspolitik schien dieser Verband tatsächlich zu funktionieren: Das Kleingewerbe, die kleinen Geschäfte und die kleinen Landwirtschaften schmolzen zugunsten internationaler Konzerne dahin wie der rar gewordene
Schnee auf dem klimaerwärmten Kontinent. Als Staaten wie Griechenland in Schieflage gerieten, spannten die Nettozahler der EU rasch einen Rettungsschirm auf, der den Hellenen und den Konzernen das Überleben sicherte. Aber immer, wenn’s wirklich an das Eingemachte ging – wenn am Rand der Union Kriege ausbrachen, wenn manche Staaten weniger freiheitlich-demokratisch dachten wie wir, wenn’s um verkehrspolitische Belange ging oder wenn Millionen von Flüchtlingen sich nach Europa in Marsch setzten, war und ist‘s gleich vorbei mit dem Gemeinsinn. Wie zerstritten und in sich selbst verfangen der ganze Laden inzwischen ist, wurde uns bei der Bestimmung seiner letzten Präsidentin bewusst. Sie wurde nicht regulär von den damals noch 512 Millionen Einwohnern gewählt, sondern – schwupp! – von ein paar Staatslenkern im Hintergrund designiert. Jetzt haben wir, die nach dem Austritt der 66 Millionen Briten, noch verbliebenen 446 Millionen „Resteuropäer“, den Salat!
Wir simplen Fischer verstehen natürlich nicht das Allergeringste von der eminenten Bedeutung zentraler, staatlicher Lenkung, nota bene solcher, die sich auf das Betreiben allerlei potenter Lobbyisten und sonstiger Einflüsterer in Brüssel zu formen pflegt. Woher sollten wir schon wissen, wie gut und wie vorteilhaft es ist, wenn man uns im Zuge der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, der Europäischen Fischseuchenschutzverordnung und der Europäischen Vogelschutzrichtlinie das Wasser abdreht, die mühsam herangezogenen, kerngesunden Fischbestände keult und das, was noch übrig ist, den Vögeln und Ottern zum Fraß vorwirft?
Wir hören die britischen Herings-, Schollen- und Kabeljaufischer deutlich aufatmen. Ob man ihnen nach dem Austritt wohl mehr eigene Rechte auf den Gewässern um ihr Inselreich einrichtet? Fish and Chips, very British from now on? Wohl kaum. Das Recht, dem naturgegebenen Fischfang zu obliegen und die Bestände zu hegen, kann man nicht den eigenen Fischern und deren heimischen Genossenschaften überlassen. Dazu sind sie doch viel zu dumm, zu unwissend und zu ungebildet. Fischköppe! Wenn man sie ließe, käme gewiss nur das heraus, was aus den bayerischen Binnengewässern zu gewinnen ist. Dort steht die staatliche gelenkte Bodenseefischerei in höchster Blüte. Sie erzielt von Jahr zu Jahr neue Rekordfänge, während in den selbstverantwortlich bewirtschafteten, anderen Seen alles beim alten geblieben ist und der Ertrag z. T. nur noch mit Mühe in den lokalen Markt zu pressen ist. Scheußlich! Wie sich die britische Küstenfischerei jetzt wohl entwickeln wird? Ob die Jungs dort wirklich die Freiheiten bekommen werden, von denen sie geträumt haben? Ober bleiben ihre Kontingente weiter dort, wo man sie zugunsten anderer Wirtschaftsgüter weiter als billiges Faustpfand einsetzen wird?
Wir sind gespannt. Aber wir drücken den Britischen Meeresfischern jedenfalls ganz doll die Daumen!

Ihr
Dr. Peter Wißmath