Liebe Leser,

als vor 15 Jahren die Münchner unter der Leitung von Altoberbürgermeister Georg Kronawitter zu mehr als 50 Prozent begehrten, die Silhouette Münchens sei nicht weiter mit seelenlosen, gewerblichen Hochhäusern zu verschandeln, war die „Süddeutsche Zeitung“, das Sprachrohr aller links gesinnten Heimatbürger (und solcher, die es werden wollten), noch des Lobes voll. Damals erkannte man in Hochhäusern, die die Münchner Frauenkirche überragten, noch Fremdkörper, die nicht nur die Silhouette, sondern auch das Innenleben der Stadt zu ihrem Nachteil veränderten. Man rechnete uns auch vor, wie negativ die Ökobilanz solcher Gewerbetürme sei und dass es schon allein deswegen keinen Sinn machte, sie mitten ins Innere Münchens zu verpflanzen. Es seien Tumore, hieß es auch in der Redaktion des genannten Blattes, die nicht nur per se, sondern auch im weiteren Umfeld langsam gewachsene, organische Strukturen zerstörten – bis nach wenigen Jahrzehnten erst der Kollaps und dann die Abrissbirnen kommen müssten. Man wusste damals genau, wovon man sprach. Wer erinnerte sich nicht an das „Schwabylon“, das im Norden der Stadt in den 1970er Jahren bunt und glänzend in den Himmel wuchs, an das Hertie-Hochhaus an der Münchner Freiheit oder an das Verlagsgebäude der Süddeutschen Zeitung, das ursprünglich 145 m hoch werden sollte und von dem besagten Volksbegehren auf 100 m „gekürzt“ wurde? Die Bauten wurden inzwischen längst wieder eingeebnet oder gingen, wie das Verlagsgebäude der SZ, schon im Rohbau an dubiose Besitzer über, die es danach teuer an den Verlag vermieteten und diesen damit an den Rand der Existenz brachten. Nun hat sich etwas geändert. Die besagte Zeitschrift lässt keinen Tag vergehen, an dem sie uns nicht mahnt, jenen Unglücklichen zu helfen, deren zivile Substanz auf der anderen Seite des Mittelmeers in Staub und Trümmer fällt; im Verein mit der tapf‘ren Greta Thunberg wird uns täglich mitgeteilt, wie verwerflich unsere profanen Geschäftsinteressen im Vergleich zu den Bedürfnissen der Bienen, der Schmetterlinge, des Weltklimas im allgemeinen und des Grundwasserhaushaltes im Besonderen seien. „Friday for Future!“, titelt der Süddeutsche Verlag täglich in allen Tonlagen, und alle tönen mit, die meinen, mit Sprücherln allein wäre die Welt zu retten. Aber das ist sie nicht, liebe Leser. Die 1,3 Millionen Bewohner Münchens verzehren jährlich etwa eine Milliarde Eier, 10 Millionen Tonnen Äpfel, 6 Millionen Tonnen Bananen und ungefähr 7 Millionen Tonnen See- und Süßwasserfische. Wenn’s nach den Öko-Propheten der Landeshauptstadt und deren politischen Taktstöckchen geht, stammt diese fleischfreie Kost nur aus zertifizierten Öko-Betrieben und wird, abseits des öffentlichen Nahverkehrs, fußläufig oder mit dem Lasten-Transportrad, neuerdings auch stehend auf dem Elektro-Roller, transportiert.
Wer mag sich so etwas vorstellen? Und wie kommt er mit all dem Zeug ins oberste Stockwerk der geplanten, 156 Meter hohen Neubauten? Auch fußläufig? Ach so, ja – mit dem ökostromgetriebenen Aufzug. Der holt sich seine Energie aus dem Sonnenlicht und dem Wind. In der Nacht und bei Windstille fährt er nicht. Da kommt man dann nicht in seine Dachgeschoßwohnung und muss, wenn man die 40 Stockwerke nicht mehr selbst schafft, unten auf der Straße kampieren. Immerhin wird man’s nicht allein tun müssen – es gibt ja keine Alternative mehr.
Schöne neue Welt? Eher nicht. Man kann nur hoffen, dass Schnapsideen wie diese schadlos in sich zusammenstürzen, bevor man wieder anfängt, größenwahnsinnige, neue Fundamente zu graben. Das hat doch schon damals bei dem Turmbau nicht geklappt, in Babylon …
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Peter Wißmath