Liebe Leser,

die Europawahl liegt hinter uns und es ist insgesamt etwa so gekommen, wie wir, die einfachen Leute, es uns gedacht hatten. Die freitags bundesweit freien Schulvormittage, von einem Teil der Schüler ebenso wie von Parteigängern der sich ökologisch nennenden Parteien freudig genutzt, erwiesen sich als stattliches Zugpferd für jene, die den etablierten Parteien gern den Schwarzen Peter für alles zuspielen, was der Seele weh tut: Die Bienenvölker, der Naturschutz, die Landwirtschaft, der motorisierte Individualverkehr, der Wohnungsbau, der Flächenverbrauch, die Energie, das Essen. Alles nicht das Richtige, alles nicht richtig geregelt, alles vom Großkapital bestimmt und an den wahren Bedürfnissen der Bürger vorbeigedacht und vorbeigewurstelt.

Die Ideen dieser „Bewegten“, so kam es uns einfachen Bürgern vor, waren die gleichen wie vor hundert und vor tausend Jahren, nur die Medien unterschieden sich. Schrieb man früher alles auf Tontafeln, auf Papyrus, auf Pergament und auf Papier, schreibt man’s heute in den Wind, der elektronisch erzeugt durch die Leitungssysteme der Gesellschaft weht. Gedanken an früher werden wach. Haben wir’s damals etwa anders gemacht? Die Tolle zu einem „Pilzkopf“ umgewandelt, möglichst spitze, schwarze Halbschuhe angezogen, den Unterleib in knallenge Jeans gezwängt, Miniröcke und Hotpants getragen, die den „Erwachsenen“ die Spucke rückwärts laufen ließ, und dazu „It’s been a hard day’s night“ oder „I can’t get no satisfaction“ gepfiffen? Fernsehen? Wer von uns hat den langweiligen Schwarz-Weiß-Schmarren schon angesehen? Das war doch schon damals nur etwas für Omis. Politik? Ächz! Wir wollten frei sein und gingen nur einmal auf die Straße, als es hieß, der nächste Atomkrieg würde in Deutschland stattfinden.
Das wollten wir nicht; also demonstrierten wir für den Weltfrieden und gegen den Nato-Doppelbeschluss. Wer uns damals erreichen wollte, der durfte nicht mit dem Zeigefinger oder gar mit dem „Knigge“ kommen. Es gab schon damals Eltern, Lehrer, Freundinnen und Freunde, die einem zeigen konnten, wie’s geht. Die nicht bloß mit dummen Sprüchen ankamen, sondern die wussten, wie man aus den Bausteinen, die einem das Leben schon damals buchstäblich vor die Füße warf, etwas errichten konnte. Etwas, das mehr war als nur eine Schnapsidee, etwas wie ein Fundament, das festen Halt bot, ohne uns einzusperren. Sie halfen uns bei einem Bau, den wir später weiter ausgestalten konnten und der dabei nicht nur uns selbst und unseren Kindern, sondern auch noch anderen Nutzen brachte.

Es ist gut, dass junge Menschen Forderungen an uns Alte stellen. Das haben sie zu allen Zeiten getan, und es schadet nichts, wenn sie dies öffentlich tun und Antworten verlangen, die ihnen einleuchten. Sie nicht ernst zu nehmen oder ihnen gar den Mund zu verbieten, hat einer Gesellschaft immer schon viel mehr Schaden als Nutzen gebracht. Am besten war und ist es, sie ernst zu nehmen und mit ihnen zu sprechen. Sie sind voller Vorurteile und voller Ungestüm, aber voll guten Willens. Sie haben gute Gedanken
ebenso wie törichte Vorstellungen; sie suchen Vorbilder, auch wenn sie es nicht zugeben wollen, und sie sehnen sich nach Menschen, denen sie sich anvertrauen können. Jugendliche beim Erwachsenwerden zu begleiten, ist das Schönste und das Schwierigste auf der Welt. Wer ihnen mit Falschheit oder gar mit Druck begegnet, kann sie vielleicht für einen Moment täuschen; wirklich gewinnen und zu festen Stützen der menschlichen Gesellschaft machen kann er sie damit nie. Das sollten wir alle bedenken und das sollten sich vor allem jene hinter die Ohren schreiben, die wieder mal meinen, Angstmachen sei ein probates Mittel, der Jugend die Richtung vorzugeben. Was für ein Quatsch! Die Angst, liebe Kinder, war zu allen Zeiten der schlechteste Ratgeber. Wer sich von der Angst leiten lässt, wird niemals selbstbewusst werden und einen Fehler nach dem anderen machen.

Wer aus der Angst der Kinder und Jugendlichen ein Kapital zu machen versucht, hat in der Politik nichts verloren. Der hat eigentlich nirgends etwas verloren!

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Peter Wißmath