Liebe Leser,

Sommer 2018 – Märchen oder Katastrophe? Bis vor Kurzem waren die Wetterberichte in allen deutschen Medien dieselben: Immer showmäßiger aufgezogen, die Sprecherinnen bestens ausstaffierte Mannequins; nie hatten sie ein Kleid, ein Kostüm oder einen Hosenanzug ein zweites Mal an. Die Herren der Schöpfung blieben dagegen dröge, Typ: Oberlehrer. Sie trugen
schlecht sitzende, knittrige Anzüge und fielen allenfalls durch Meldungen über ihr außerdienstliches Liebesleben auf wie seinerzeit der allgegenwärtige Jörg Kachelmann. Es gab nur drei Bericht-Varianten: das gute, das schlechte und das wechselnde Wetter. Das gute war immer warm und trocken, das schlechte kalt und nass und beim wechselnden kam der Wind aus unvorhersehbaren Richtungen.
Merkwürdig: Je unbeeindruckter eine Bevölkerungsgruppe vom Wetterbericht sein durfte, wie etwa die künstlich klimatisierten Bewohner der Metropolen, desto wichtiger schien er ihnen. Als ob die Städter ihre knapp bemessene Freizeit nicht im Kunstlicht der fensterlosen Kellerräume eines Fitnessstudios oder vor den flimmernden Bildschirmen einer Cyber-Welt verbringen würden, sondern schutzlos mitten im Freien ausharren müssten.
Dieser Sommer war seit Menschengedenken der erste, wo die Stimmchen der öffentlich-rechtlichen Wetterfeen unsicher klangen, wenn sie dem Publikum ein weiteres, herrliches, 35 Grad heißes Sommerwochenende verhießen. Zum ersten Mal erfuhren die Gebührenzahler, dass zu einem „schönen“ Wetter auch der Regen gehörte. So wie es Essen ohne Abwasch nicht geben könne. Und es widersprach dem niemand – nicht einmal die Fremdenverkehrsverbände, für deren Mitglieder ein dreitägiger Landregen mitten in der Saison immer noch zu den schlimmsten Vorstellungen zählt.
Während der Verfasser solchen Gedanken nachhing, lag er mutterseelenallein mitten im Staffelsee auf der Insel Wörth im Schatten einer weitausladenden Eiche, hinter sich eine freilaufende, sanft bimmelnde Mutterkuhhaltung, vor sich das Wasser, übersät von Ruder-, Tretbooten und den sich seuchenhaft vermehrenden „Stand-Up“-Paddlern. Der in der Rinderherde mitlaufende, harmlose kleine Stier hatte die anderen Schifferlfahrer vom Anlegen wohl abgehalten. In der Mitte des Sees fuhr ein Gummiboot, besetzt mit einem Dutzend Kindern, die gemeinsam aus voller Kehle ein Lied sangen. Von der Weite her war der Text nicht mehr erkennbar, aber die Melodie war eindeutig: „Leise rieselt der Schnee“. Hm! Der Staffelsee diente in diesem Jahr als Notaufnahmelager für alle Schulkinder, denen der benachbarte Forggensee trockengelegt worden war. Jetzt waren sie hierher zum Baden gekommen und schmetterten das wohl einzige Lied, das sie alle kannten und
gemeinsam singen konnten.
Ob die Fische, die in den Restwasserkörpern des Forggensees zurückgeblieben sind, wohl diesen Sommer ausgehalten haben?
Die Renken des Staffelsees sind der Hitze ausgewichen. Sie stehen weit unter der Sprungschicht, wo es kalt und so dunkel ist, dass sich kein Plankton mehr bildet. Aber das brauchen die Staffelseerenken gar nicht. Sie fressen die Larven der Glasmücken, die zweimal am Tag an ihnen vorbei müssen, wenn sie vom Seegrund nach ganz oben zum Luftschnappen und wieder zurück schwimmen.
Auch wenn’s den Fischern und Fischzüchtern im Alpenvorland derzeit gut geht – ihr Herz schlägt für die Brüder im Fränkischen und in der Oberpfalz mit. Dort gab‘s keine täglichen Gewitter und keine stundenlangen Wolkenbrüche. Ob die Karpfen dort wohl unbeschadet über die Runden kommen? Wurde das Wasser nicht zu warm? Reicht der natürliche Sauerstoffgehalt noch? Müssen Teichwirte belüften oder gar Notabfischungen durchführen? Der Herbst wird es zeigen. Bis dahin können wir unseren Karpfenteichwirten nur die Daumen drücken und tun das auch, so fest wir können!

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Peter Wißmath