Liebe Leser,

als der Autor die Schulbank bis Mitte der 1960er Jahre drückte, gab es das Fach „Sozialkunde“ dem Namen nach schon, aber es war kein Fach für sich, das extra benotet wurde. Sozialkunde war „fachübergreifend“; sie ging kunterbunt durch den Deutsch-, den Geschichts- und auch den Religionsunterricht. Erinnerlich ist mir unser letzter Deutschlehrer, der sich furchtbar Mühe gab, aus einem Leistungsschwimmer und rabiaten Wasserballspieler keinen Veterinär hervorgehen zu lassen, sondern einen Germanisten zu machen. Der gute Studiendirektor Dr. Schweigert hatte diesbezüglich bis ganz zuletzt die Hoffnung nicht aufgegeben und mir sogar noch während des Deutschabiturs, als er mir beim Aufsatzschreiben über die Schulter blickte, zugeflüstert, wie falsch es sei, mit den Fäusten statt mit der spitzen Feder zu argumentieren. Dr. Schweigert war nicht nur gescheit, er war weise. Er hatte uns gelehrt, dass es auf dieser Welt verschiedene Wirtschaftsformen gäbe – eine Marktwirtschaft an sich, eine freie Marktwirtschaft, eine soziale Marktwirtschaft und die Planwirtschaft, hat uns die Unterschiede erklärt und manches vorhergesehen, was später tatsächlich eintrat. Die sogenannte „Globalisierung“ hatte er nicht vorausgesagt, wohl aber den Zusammenbruch des „Reichs des Bösen“ und die zunehmende Verbürokratisierung der westlichen Marktwirtschaft. „Meine Herren“, sagte er immer (es war ein reines Bubengymnasium!), „da bewegt sich etwas aufeinander zu!“ Wer hier in Bayern Fische züchtet oder handelt, wer landwirtschaftliche Produkte erzeugt und verkauft, wird meinem geschätzten Lehrer, Gott hab ihn selig, recht geben. Wir haben zwar noch keine reine Planwirtschaft, aber eine freie Marktwirtschaft auch nicht mehr. Wir bewegen uns in einer Zwitterform beider Systeme: Der Zettelwirtschaft. Die Rösser und Ochsen, die in den digitalen Datenmühlen der Landesanstalten und Landesämter im Kreis gehen, brauchen täglich ihr Futter. Die Bürokratie hat noch nie ein Feld bestellt, nie einen Fisch gestreift oder gefangen und nie einen einzigen Laib Brot gebacken, weiß aber ganz genau, wie’s geht und stellt Richtlinien dafür auf. Und verlangt, dass jedes noch so kleine Schrittchen von uns festgehalten und dokumentiert wird. Der Kontrollwahn und die Datensammelwut der Behörden kennen langsam keine Gren-
zen mehr. Nicht nur wir Teichwirte, sondern auch die Fischhändler raufen sich die Haare, wenn sie jeden Kassenbon extra aufschreiben und an das Statistische Landesamt schicken müssen. Fragt man bei der Behörde nach, was denn der Sinn dieser Sammelei sei und welche Vorteile uns daraus erwüchsen, behauptet man, es diene der „Transparenz“ und helfe dem Staat, vorauszusehen und vorauszuplanen. Wirklich?
Blättert man im letzten öffentlichen Bericht des Statistischen Bundesamtes (er stammt aus dem Jahr 2015), erfährt man Erstaunliches. In der Rubrik „Binnenfischerei“ finden sich drei Sparten – die Erwerbsfischerei, die Angelfischerei und die Aquakultur. Im Jahr 2015 habe das bundesdeutsche Fischaufkommen insgesamt angeblich 42.453 Tonnen betragen. Den 17.829 Tonnen aus der Karpfen- und Forellenproduktion werden 18.428 Tonnen Anglerfänge gegenübergestellt und in der Gesamtbilanz zusammengezählt.
Hallo? Schon mal geguckt, was unsere Anglerfreunde da aus dem Wasser ziehen? Aus den Baggerseen und Angelteichen, den Stauhaltungen, den Bächen? Aus den von den Kormoranen fischereilich längst ruinierten Flüssen? Es sind überwiegend Besatzfische, fangfähig. Und wo kommen die wohl her? Richtig – aus der Teichwirtschaft. Hauptsächlich der Heimischen.
Wenn man mit all den vielen Zetteln, die man sich qua Verordnung von den Bürgern ausfüllen lässt, nicht mehr zustande bringt als eine derart klapprige „Statistik“, darf man sich nicht wundern, wenn dergestalt drangsalierten Menschen verdrossen nach „Alternativen“ suchen und dabei vom Regen in die Traufe gelangen. Aber es gibt einen Silberstreif am Horizont, liebe Leser! Alle bürgerlichen Parteien haben nach dieser Wahl öffentlich bekundet, dass sie „verstanden hätten“. Man will sich um uns, die kleinen Leute, wieder mehr kümmern. Das freut uns. Wir werden Euch demnächst alle beim Wort nehmen!

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Peter Wißmath