Liebe Leser,

momentan ist unsere Zeit wieder einmal ausgesprochen „skandalträchtig“: Dieselskandal, Eierskandal, Parteiwechselskandal, Dopingskandal, Fußball-Ablöseskandal! Erst einmal das Gute: Eine Gesellschaft, in der es öffentliche Skandale gibt, ist gesund und munter. In totalitären Systemen, wie etwa in der ehemaligen „DDR“, gab oder gibt es keine Skandale, jedenfalls keine öffentlichen. Öffentliche Skandale sind ein untrügliches, sicheres Kennzeichen für eine funktionierende freiheitlich-demokratische Grundordnung, für Meinungsfreiheit und für eine freie Presse.
Das weniger Gute: Es kann leicht sein, dass etwas ohne Not und ohne faktischen Hintergrund zu einem Skandal gemacht wird. Das nennt man „skandalisieren“. Manche Presseorgane sind Meister auf diesem Gebiet. Wenn es dumm läuft wie damals bei Christian Wulff, ist an der Sache zwar kaum etwas dran, aber der Bundespräsident muss seinen Hut trotzdem nehmen.
In der Schule hatte der Unterfertigte viele lateinische Sprichwörter auswendig lernen müssen, weil sie, wie es hieß, Wahrheiten enthielten, die bis heute gelten würden und beachtenswert seien. Fama cito percrebrescit!, hieß eines davon. „Das Gerücht verbreitet sich schnell!“. Und ein zweites: Fama cito percrebrescens periculosa est! Zu Deutsch: „Ein sich schnell verbreitendes Gerücht ist gefährlich!“
Wenn die üble Nachrede schon zu Zeiten der alten Römer gefährlich war – wie schlimm ist sie dann erst heute, wo per Twitter oder Facebook Botschaften in Lichtgeschwindigkeit verbreitet werden können? Semper aliquid haeret, sagt ein drittes Sprichwort: „Etwas bleibt immer hängen“. Mit anderen Worten: Ganz egal, ob‘s stimmt oder nicht wirklich von der Backe bekommt man die üble Nachrede nie mehr. Der Dieselmotor keine vergleichsweise sparsame, saubere Antriebsmaschine mehr? Eier ein riskantes Lebensmittel? Politiker grundsätzlich nicht vertrauenswürdig? Leistungssportler immer Betrüger? Fußballprofis nichts als ruchlose Glücksspieler? Üble Gerüchte sind für den, der sie verbreitet und am Leben hält, oft ein sehr einträgliches Geschäft. Der Schaden, den er damit anrichtet, wird ihm zum Nutzen, wenn er damit die Auflage seines Blattes steigert. Noch besser ist‘s freilich, wenn die Angst, die er mit den an die Wand gemalten Teufeln erzeugt, Verantwortliche zum Handeln zwingt: Ministersessel werden frei, zusätzliche Planstellen werden geschaffen, unter Umständen wird gar eine ganze Behörde neu aus dem Boden gestampft. Nicht selten wird dann einer zu deren Leiter bestimmt, der aus dem Kreis der Brunnenvergifter stammte.
Wie können wir kleinen Fischzüchter und Berufsfischer uns dagegen wehren, wenn plötzlich behauptet wird, die Dämme unserer Teiche wären eine Hochwassergefahr? Die Abläufe unserer Teiche verpesteten die Bäche und Flüsse mit Schlämmen und Krankheitskeimen? Wir seien zu dumm, unsere Seen richtig zu bewirtschaften und würden sie, wenn man uns nicht überwachte, bedenkenlos leerfischen? Da hilft nur eins, liebe Kolleginnen und Kollegen: Dagegen halten! Zeigen, dass traditionelle Fischer und Teichwirte der Natur nicht schaden, wenn sie sie nach bestem Wissen und Gewissen ihr schweres Handwerk verrichten. Dass sie keine „Gefährder“ sind, denen man Tag und Nacht auf die Finger schauen muss, sondern wichtige Bestandteile einer Natur, in und mit der sie seit Jahrtausenden leben. Nicht stillhalten also, sondern zeigen! Unbequem sein! Wer sich heute nicht wehrt, geht morgen schon unter. Wie wäre es, wenn auch wir einmal etwas skandalisierten? Die hanebüchenen Zustände am Bodensee? Das Affentheater um den Biber, die Kormorane und den Fischotter? Die amtliche Bekämpfung der Fischseuchen, die uns, statt zu nützen, eminent schadet? Was hält uns davon ab?Es ist unser Gewissen. Es klopft an und sagt, dass wir unsere Argumente sachlich und manierlich vorbringen sollten, nicht mit dem Dreschflegel. „Meinungs- und Pressefreiheit“, sagt es weiter, „dürfen nicht gewissenlos werden. Sonst verliert nicht nur der einzelne, sondern die ganze Gesellschaft.“
Liebes Gewissen – könntest du nicht auch mal bei denen an die Tür klopfen, die tagtäglich neue Gerüchte verbreiten?
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Peter Wißmath