Liebe Leser,

kürzlich gab‘s in der Süddeutschen Zeitung die Abhandlung einer Journalistin darüber, dass unsere Haustiere – bis auf Spinnen, Schlangen, Chamäleons und Frösche – wohl schon jetzt die Gewinner der Corona-Krise seien. Ich las beim gemütlichen Ostermontags-Frühstück davon, was uns die Kaninchen, die Katzen, die Stubenvögel und die Hunderln seit Beginn der Krise wirklich bedeuten sollen: Wolfgang Joop etwa erzählt von seinem weiblichen Rhodesian Ridgeback, deren Herzschlag er „unter ihrem drahtigen Kokosmatten-Haar“ spüren könne, „wenn ich meine Hand auf ihren Brustkorb lege, während sie nachts neben mir schläft.“ Sogar der bissige Henryk M. Broder schreibt jetzt gefühlvoll: „Wer beim Aufwachen noch nie in ein paar Hundeaugen geschaut hat, der weiß nicht, wie schön ein Tag anfangen kann.“ Hm. Also ich weiß nicht, ob man wirklich so auf den Hund gekommen sein muss, dass einem schon wohl wird, wenn einen der ganz in der Früh anglotzt, hoffend, es gäbe endlich etwas zu fressen oder wenigstens einen Gang nach draußen, um sich zu erleichtern?
Die Autorin des besagten Artikels verfügt, so lässt sich beim weiteren Lesen folgern, nicht über Kinder oder Enkel. Stattdessen besingt sie während einer ganzen Druckseite immer wieder zwei kostbare Graupapageien, die mit ihr zusammen (ziemlich art-unangemessen, wie ich meine) im Homeoffice-Wohnzimmer vegetieren. Dabei sollen sie immer wieder menschliche Laute ausstoßen; neuerdings könne, so erfahren wir, einer der beiden sogar das Wort „Scheiße“ gut vernehmlich aussprechen. In New York und Los Angeles, so schreibt die Autorin, seien bei Tierheimen die Anfragen nach einem Haustier im Vergleich zum Vorjahr um 70 Prozent gestiegen. Am Schluss des Essays kulminieren ihre ornithologischen Betrachtungen in der Behauptung, die Vögel würden sich draußen vor dem Fenster ihres Münchner Heim-Arbeitsplatzes plötzlich zu sammeln beginnen und singen wie nie zuvor. Sogar eine Nachtigall sei darunter!
Sollte man der Dame einen Brief schreiben und ihr erklären, dass die Vogerln in den kanalisierten Münchner Isarauen momentan ihr ganz normales Tages- und Nachtgeschäft verfolgen? Dass nicht dies das Besondere wäre im Moment, sondern sie, die Journalistin, die nun nicht mehr abgeschlossen im vollklimatisierten, dreißigstöckigen Verlagsgebäude an der Hultschiner Straße hocken müsste, sondern frei in ihrer Vierzimmer-Wohnung flattern könnte, „um drei Uhr nachmittags immer noch mit ungewaschenen Haaren in Jogginghose und einem Sweatshirt“? Letzteres, wie sie uns weiter mitteilt, von einem der flatternden Graupapageien inzwischen grünlich befleckt?
Draußen vor den luftdicht verschlossenen Fenstern des Verlags und vor den offenen Fenstern der sich selbst bedauernden Journalistin tobt doch nichts als eine Natur, die in allen Städten Europas üblich ist und die im März und im April erst richtig auf Touren kommt. Unüblich ist nur die Art, wie sie nun zu vernehmen ist: Es gibt keinen Landverkehr und keine Flugzeuge mehr, die deren Stimme überdecken könnten. Jetzt hört man sogar eine Nachtigall singen!
Ob das wirklich so „Scheiße“ ist, wie die zwei Graupapageien meinen? Ich glaub nicht. Haltet aus, geliebte Fischerinnen und Fischer, geliebte Karpfen- und Forellenzüchter! Seid tapfer und stark und verliert mir trotz allem nicht den Mut, weiterzumachen wie Eure Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Sie haben die Fischerei und die Teichwirtschaft in Zeiten am Leben gehalten, wo die Welt auch schon in Stücke zu fallen schien. Haltet aus und macht weiter wie sie! Die Menschheit braucht Euch und Euren guten Mut mehr denn je!

Ihr
Dr. Peter Wißmath