Liebe Leser,

Neulich las man im „Panorama“ der Süddeutschen Zeitung – immer auf der letzten Seite des Hauptteiles – einen Bericht unter dem Titel „Schweizer Avant-Garde“. Im Untertitel hieß es: „Leibwache des Papstes trägt jetzt Helme aus dem 3D-Drucker“.

„Wer hätte das gedacht“, ging es weiter. „Die Schweizergarde geht mit der Zeit. Die Helme der päpstlichen Leibwache kommen neuerdings aus dem 3D-Drucker. Wer dabei an das Playmobilmännchen denkt, liegt falsch. Nach billigem Plastik sieht der Helm nämlich nicht aus. Die Kopfbedeckung aus Acrylnitril-Stryrol-Acrylat-Copolymer ist nicht nur leichter und günstiger als das bisherige Modell aus Blech, sondern auch ausgesprochen stabil ... Gerade kam die erste Lieferung an, 95 Stück, druckfrisch.“ Über eine halbe Seite lang erklärt uns der Journalist, welche Vorzüge die künftige Plastikverpackung der bis dato noch blechernen gegenüber habe. Sie sei leichter, pflegeleichter, atmungsaktiver und angenehmer zu tragen als der Eisenhut, der sofort Beulen bekam, wenn man einen Schlag auf den Schädel erhielt oder ihn scheppernd zu Boden fallen ließ. „Fällt künftig ein Helm in den Heiligen Hallen zu Boden, wird bestenfalls ein dumpfes ‚Toc-toc‘ zu hören sein“, heißt es am Ende des Artikels.
Der Leser schmunzelt. Hatte da nicht gerade im Wirtschaftsteil des gleichen Blattes etwas über das ab 1. Januar 2019 in Kraft getretene, neue Verpackungsgesetz gestanden? Dem Verpackungsgesetz liegt – wie schon der alten Verpackungsverordnung – das Prinzip zugrunde, dass derjenige, der Verpackungen in Verkehr bringt, bereits vorher sicherstellen soll, dass die Verpackungen auch ordnungsgemäß entsorgt werden. Hierzu müssen sich Hersteller von Verpackungen an einem dualen System beteiligen. Diese Systembeteiligungspflicht galt bereits nach der alten Verpackungsverordnung und besteht nach neuem Recht fort (s. hierzu S. 89 dieses Heftes). Wie dem nur schwer lesbaren Text dieses Gesetzes zu entnehmen ist, fallen wir kleinen Fischer und Teichwirte – zunächst – nur bedingt unter diese Bestimmungen. Wir dürfen weiter unregistriert unsere Fische und Fischprodukte an die Frau bringen, wenn die Papier- oder Kunststofftüte, die wir über den Ladentisch reichen, als „Einsatzverpackung“ anzusehen ist. Ein Gebinde also, das ausschließlich dem Zwecke dient, dem Endverbraucher die Ware sauber in die Hand zu drücken und es ihm zu ermöglichen, sie hygienisch einwandfrei nach Hause zu tragen. Aber Achtung beim Beliefern von Gaststätten und Geschäften – da greift das Gesetz, und wer unregistriert beim Handeln erwischt wird, der gehört der Katz!

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich das Gesamtwerk als dem Kirchensteuergesetz vergleichbar: Der Staat begünstigt ein nichtstaatliches („Duales“) System durch Einhebung einer verbindlichen „Steuer“, vor der es kein Entrinnen gibt, es sei denn, man fiele gänzlich vom System ab und stellte Produktion und Handel ein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und sich nicht sofort fragt, wem (außer den „Entsorgern“) diese Gängelei denn wirklich nütze. Ist das eingangs beschriebene Umsatteln vom Blech auf die chinesische Pulverdruckerei denn wirklich so zu preisen? Ob die Plastikhelme der Verteidiger des Abendlandes wohl auch schon den „Grünen Punkt“ tragen, damit die Gardisten und deren oberster Kommandant kein schlechtes Gewissen haben müssen?
Kommt demnächst die Registratur der Polstermöbel, der Babywindeln, der Autositze, des Kinderspielzeugs, der Zahnbürsten, der Tafel- und Küchenschwämme, der Messergriffe, der Regenkleider und Kunstfaserpelze? Ist das „Verpackungsgesetz“ nur der Beginn einer Lawine, die sich digital durch unsere analoge Welt wälzen und fast alles fortreißen wird, was wir bisher unter „Freiheit“ verstanden?

Den Glossisten fröstelt’s trotz der beginnenden Frühlingstemperarturen in seiner GoreTex-Unterwäsche. Die Zeiten, wo man sich rechtschaffen in der Gesellschaft bewegen und als fester Bestandteil in ihr ruhen konnte, scheinen zu Ende zu gehen. Der Souverän regiert nicht mehr, sondern er kontrolliert uns. Wer seinen Bürgern nicht mehr vertraut, verliert auch deren Vertrauen. Am Ende regiert nicht mehr die Vernunft, sondern die Angst. Und die ist der Schlechteste aller Ratgeber, meint

mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Peter Wißmath